Die ägyptischen Hieroglyphen gehören zu den ältesten Schriftsystemen der Welt. Sie stellen nicht nur Sprache dar, sondern auch Kunst. Jedes Zeichen hat eine Bedeutung, aber auch eine Form, die sorgfältig gestaltet wurde. Die Ägypter sahen Schreiben als etwas Heiliges. Ihre Schrift sollte schön, klar und ewig sein. Wenn man sich ansieht, wie genau alles angeordnet ist, merkt man, dass sie ein starkes Gespür für Gestaltung und Ordnung hatten.
Geschichte und Kontext
Die Ägypter nannten ihre Schriftzeichen „Medu netscher“, was so viel bedeutet wie „Gottes Worte“. Sie schrieben ihnen eine göttliche Herkunft zu. Laut ihrem Glauben hatte der Gott Thot das Schreiben erfunden. Nur eine winzige Minderheit, vielleicht ein Hundertstel der Bevölkerung, konnte lesen und schreiben. Diejenigen, die diese Kunst beherrschten, nannte man Schreiber. Dies war ein hochangesehener Beruf, der mit Bildung, Macht und sozialem Status verbunden war.
Vom Bild zum Laut
Die Hieroglyphen lassen sich von links nach rechts, von rechts nach links oder von oben nach unten lesen, je nachdem, in welche Richtung die Figuren blicken. Tiere und Menschen „zeigen“ also die Leserichtung an. Die Schrift besteht ausschließlich aus Konsonanten, Vokale wurden nicht geschrieben. Um die Wörter aussprechbar zu machen, setzen Ägyptologen heute Hilfsvokale, meist ein kurzes “e” zwischen die Konsonanten. Insgesamt existierten zwischen 750 und 1000 Zeichen, in späteren Epochen sogar über 5000.
Man unterscheidet drei Hauptarten von Zeichen:
- Phonetische Zeichen stehen für Laute, ähnlich unseren Buchstaben und können ein, zwei oder drei Konsonanten verbinden.
- Begriffszeichen bezeichnen ganze Wörter und zeigen genau das, was sie darstellen. Ein stilisierter Mund bedeutet etwa das Wort „Mund“. Sie werden meist durch einen kurzen Strich markiert.
- Deutzeichen werden nicht ausgesprochen. Sie geben an, in welchem Sinn ein Wort gemeint ist. So entsteht aus dem Zeichen für „Mund“ zusammen mit einem Deutzeichen für „etwas, das mit dem Kopf gemacht wird“ das Wort „sprechen“.
Ästhetische Prinzipien
Hieroglyphen waren nicht nur Mittel der Kommunikation, sondern auch Gestaltungselement. Die Ägypter legten großen Wert auf Symmetrie, Ausgewogenheit und Rhythmus. Zeichen, die nur eine halbe Zeilenhöhe hatten, wurden untereinander gesetzt, um harmonische Bildfelder zu schaffen und den teuren Stein oder Papyrus effizient zu nutzen.
Texte waren oft eng mit Darstellungen von Göttern und Menschen verbunden. Die Schrift rahmte Figuren ein oder wurde in ihre Umgebung integriert. Auf Grabwänden etwa umgaben Inschriften die Götter Anubis oder Osiris, sodass Text und Bild eine gemeinsame Geschichte erzählten.
Und trotz ihrer Perfektion war auch die Arbeit an Hieroglyphen nicht fehlerfrei: Die Handwerker, die die Schrift in Stein meißelten, konnten häufig selbst nicht lesen. Sie arbeiteten nach den Vorzeichnungen der Schreiber, die gelegentlich Korrekturen nachreichten. Dadurch entstanden manchmal mehrfache Konturlinien oder kleine Schreibfehler, die bis heute in Tempelinschriften sichtbar sind.
Ein charmantes Detail, das die menschliche Seite dieser göttlichen Schrift zeigt.
Fun Fact
Durch das Zählen der Zeichen auf dem Stein von Rosetta erkannte Champollion, dass Hieroglyphen keine Wortschrift sein konnten. Der Vergleich der Kartuschen von Ptolemaios, Kleopatra und Ramses zeigte, dass Zeichen sowohl Lautwerte als auch Bedeutungen besitzen. Mithilfe des Koptischen deutete er Ra als „Sonne“ und ms als „geboren“ – der Schlüssel zur systematischen Entzifferung.
Weiterführende Literatur
Zauzich, Karl-Theodor – Hieroglyphen ohne Geheimnis: Eine Einführung in die altägyptische Schrift für Museumsbesucher und Ägyptentouristen, Kulturgeschichte der antiken Welt, Bd. 6, Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein, 2000; ISBN 978-3805304702; https://www.zvab.com/…31252907374/bd