Die Anzeige im Zug bei grellem Licht, das Gate-Schild am Flughafen aus 20 Metern Entfernung, die Website auf dem Smartphone in der Sonne – barrierefreie Typografie betrifft uns alle, jeden Tag. Und seit Mitte 2025 ist es für uns Designer*innen gesetzliche Pflicht. Höchste Zeit, genauer hinzuschauen.
Warum barrierefreie Typografie wichtig ist
Seit Mitte 2025 verpflichtet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) Unternehmen dazu, digitale Produkte und Informationen barrierefrei zu gestalten. Damit wird Typografie vom „Nice-to-have“ zum grundlegenden Qualitätskriterium. Zwar gibt es keine festen Vorgaben zur Schriftwahl, doch es ist klar: Lesbarkeit steht über Ästhetik. Das ist entscheidend, denn Typografie ist ein wesentliches Mittel der Kommunikation. Sie strukturiert, leitet, erklärt, warnt und informiert. Wenn dies nicht für alle Menschen funktioniert, wird Gestaltung zur Barriere statt zur Unterstützung.
Was macht Schrift leserlich?
Für eine gute Lesbarkeit lassen sich zwei Begriffe unterscheiden:
- Leserlichkeit (Legibility): Erkennbarkeit einzelner Zeichen
- Lesbarkeit (Readability): Erfassen und Verstehen von Text im Zusammenhang
Die DIN 1450 „Leserlichkeit von Schrift“ definiert seit 2013 Standards für typografische Informationsvermittlung, damit Texte auch unter erschwerten Bedingungen gut lesbar bleiben. Daraus lassen sich folgende fünf zentrale Gestaltungsprinzipien ableiten.
Ausreichende Buchstabenlaufweite
Stehen Buchstaben zu dicht, können Kombinationen wie rn schnell wie m wirken. Etwas mehr Abstand unterstützt die Lesbarkeit.
Digitale Anwendungen
Im digitalen Raum geht barrierefreie Typografie einen Schritt weiter: Neben der Gestaltung der Schrift spielt auch ihre Darstellung eine Rolle, etwa auf unterschiedlichen Displays, in verschiedenen Schriftgrößen oder bei wechselnden Lichtbedingungen. Für Websites und Apps werden deshalb zusätzlich die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) berücksichtigt, die unter anderem Mindestkontraste und skalierbare Schriftgrößen definieren.
Welche Schriftarten sollte man verwenden?
Wer sich mit barrierefreier Typografie beschäftigt, stößt schnell auf speziell entwickelte Schriften: Lexend, Atkinson Hyperlegible oder OpenDyslexic. Diese Schriften wurden gestaltet, um das Lesen bei Dyslexie oder eingeschränkter Sehschärfe zu erleichtern. Klingt nach der perfekten Lösung, oder? Nicht ganz. Zum einen können sie teuer oder lizenzpflichtig sein, zum anderen reagiert jede Sehbehinderung unterschiedlich. Eine Schrift, die für eine Person sehr gut funktioniert, kann für eine andere schwer lesbar sein. Außerdem spielt Vertrautheit eine große Rolle, deshalb werden gängige Schriftbilder oft schneller erkannt.
Darum wird im Allgemeinen empfohlen, auf gut lesbare Standardschriften zu setzen, wie beispielsweise:
- Digital: Arial, Helvetica, Verdana, Calibri, Tahoma, Century Gothic
- Print: Times New Roman, Georgia
Exkurs öffentliche Leitsysteme
Viele Prinzipien barrierefreier Typografie stammen übrigens aus öffentlichen Leitsystemen. Ein Paradebeispiel: die Frutiger von Adrian Frutiger, entwickelt für die Beschilderung am Flughafen Paris Charles de Gaulle. Ihre klaren Formen und hohe Erkennbarkeit aus der Distanz machten sie zum Maßstab für Leserlichkeit.
Wir übernehmen Verantwortung
Barrierefreie Typografie ist kein Sonderfall und keine Einschränkung der kreativen Freiheit, sondern eine Grundvoraussetzung für gute Gestaltung. Als Designer*innen haben wir die Möglichkeit, Informationen für alle zugänglich zu machen. Das Ziel sollte immer sein, niemanden auszuschließen, auch nicht unbewusst. Gutes Design übernimmt Verantwortung. ■
Weiterführende Literatur:
Jan Filek: Read/ability – Typografie und Lesbarkeit, 2013